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SCHILDDRÜSE
UND SCHWANGERSCHAFT
Die
Schilddrüsenfunktion während der Schwangerschaft.
Während einer Schwangerschaft kommt es physiologischerweise
zu einer vermehrten Produktion von thyroxinbindendem Globulin (TBG).
Dadurch nimmt die Gesamthormonkonzentration im Serum zu; während
einer Schwangerschaft müssen daher immer die freien Schilddüsenhormonehormone
bestimmt werden. Die Beta-HCG-Konzentration steigt im ersten Drittel
einer Schwangerschaft deutlich an. Beta HCG besitzt eine TSH-ähnliche
Wirkung und stimuliert die Thyreozyten; aus diesem Grund kommt es
im ersten Trimenon physiologischerweise zu einem Anstieg des fT4
mit einem Maximum um die 10. Woche, sowie zu einem dadurch bedingten
Abfall des TSH. So kann sich während der Schwangerschaft eine
latente oder manifeste Hyperthyreose entwickeln (Beta-HCG-induzierte
Hyperthyreose).
Diaplazentarer
Transport.
Die
Plazenta ist in geringem Maße für mütterliche Schilddrüsenhormone
durchgängig. Jod, schilddrüsenspezifische Antikörper
sowie Medikamente wie Thyreostatika und Betablocker sind frei plazentagängig.
Ab der 10. bis 12. Schwangerschaftswoche ist die kindliche Schilddrüse
in der Lage Jod aufzunehmen und Schilddrüsenhormone zu produzieren.
Allerdings sind bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche im fetalen
Gehirn Rezeptoren für Schilddrüsenhormone ausgebildet.
Eine ausreichende Jodzufuhr sowie eine gute Einstellung der Schilddrüsenstoffwechsellage
sind für eine normale körperliche und geistige Entwicklung
des Fetus unbedingt erforderlich.
Jodstoffwechsel in der Schwangerschaft.
Der Jodbedarf steigt während der Schwangerschaft durch eine
erhöhte renale Clearance, durch den Jodverbrauch des Fetus
und durch die Zunahme des intravasalen Verteilungsraumes. Während
Schwangerschaft und Stillperiode steigt der Jodbedarf von normal
150 µg pro Tag auf täglich 250 µg. In der Schwangerschaft
ist daher auf eine ausreichende Jodversorgung zu achten, eventuell
ist auch eine Substitution mit Jodid empfehlenswert. Ein besonderes
Problem stellen dabei schwangere Patientinnen mit Autoimmunerkrankungen
der Schilddrüse dar. Im Interesse des Fetus sollte auch hier
Jod substituiert werden, die Patientinnen sind allerdings darauf
aufmerksam zu machen, dass sich bei ihnen postpartal die Autoimmunerkrankung
verschlechtern könnte.
Hypothyreose
und Schwangerschaft.
Eine Hypothyreose kann während einer Schwangerschaft neu auftreten,
ebenso kann eine Hypothyreose bereits bekannt sein und unter Behandlung
stehen. Da eine Hypothyreose zu gestörter intellektueller und
körperlicher Entwicklung des Fetus führen kann, ist bereits
vor Konzeption bei allen Frauen eine Euthyreose mit einem TSH-Wert
<2.5 anzustreben. Bei substituierten Patientinnen kann ab der
4. bis 6. Woche eine um bis zu dreißig- bis fünfzigprozentige
Erhöhung der T4-Dosis notwendig sein. Falls eine manifeste
Unterfunktion während der Schwangerschaft neu diagnostiziert
wird, sollte schnell durch schrittweise Erhöhung der T4-Dosis
eine Euthyreose angestrebt werden. Da auch die subklinische Hypothyreose
möglicherweise die intellektuelle Entwicklung des Fetus beeinflusst,
muss auch bei diesen Patientinnen eine baldige Normalisierung des
TSH angestrebt werden. Auch bei euthyreoten Frauen mit chronischer
Immunthyreoiditis ist in der Frühschwangerschaft ein TSH-Anstieg
möglich. Bei Frauen mit Abort finden sich signifikant höhere
TSH-Werte als bei regelrechten Schwangerschaften im gleichen Gestationsalter.
Bereits vor 30 Jahren gab es Hinweise darauf, dass der Intelligenzquotient
bei Kindern von hypothyreoten Müttern niedriger liegt. Eine
große Studie 1999 untersuchte die Kinder von nichtbehandelten
hypothyreoten Müttern, als diese bereits im Schulalter waren.
Es fand sich, dass der Intelligenzquotient bei diesen Kindern im
Schnitt um sieben Punkte niedriger lag als bei Kindern von euthyreoten
Müttern.
Schilddrüsenüberfunktion
und Schwangerschaft.
Beta HCG besitzt eine TSH-ähnliche Wirkung, es findet sich
daher im ersten Trimenon physiologischerweise eine vermehrte Produktion
von T4 mit konsekutiver Erniedrigung des TSH. Nur selten kommt es
dadurch zu einer subklinischen oder manifesten Hyperthyreose (Beta-HCG
induzierte Hyperthyreose). Meist normalisiert sich die SD-Funktion
spätestens im zweiten Trimenon. Komplizierte Formen sind meist
assoziiert mit einer Hyperemesis gravidarum und bedürfen einer
thyreostatischen Behandlung. Auch bei jeder Patientin mit Hyperemesis
gravidarum sind Kontrollen der Schilddrüsenparameter erforderlich,
da bei ihnen eine therapiepflichtige manifeste Schilddrüsenüberfunktion
möglich ist.
Bei einem Morbus Basedow kommt es während der Schwangerschaft
meist zu einer Normalisierung der Schilddrüsenfunktion. Weitere
Ursachen für eine Schwangerschaftshyperthyreose können
eine passagere, durch Zellzerfall ausgelöste Hyperthyreose
bei Thyreoiditis, eine funktionelle Autonomie bzw. eine Hyperthyreosis
facticia sein.
Thyreostatische
Therapie in der Schwangerschaft.
Eine thyreostatische Therapie kann während der Schwangerschaft
neu eingeleitet bzw. fortgesetzt werden. Ziel ist das freie T4 im
oberen Normalbereich von Nicht-Schwangeren, das Medikament der ersten
Wahl ist Propylthiouracil. Dieses darf nur als Monotherapie gegeben
werden, keinesfalls in Kombination mit Schilddrüsenhormontabletten.
In ausgeprägten Fällen ist eine subtotale Thyreoidektomie
im zweiten Trimenon möglich. Die subklinische Hyperthyreose
in der Schwangerschaft ist nicht therapiepflichtig. Es gibt diesbezüglich
keine Evidenz bezüglich eines besseren Outcomes unter Therapie,
ein weiteres Gegenargument sind die potentiellen Nebenwirkungen
der Thyreostatika.
Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und Schwangerschaft.
Bei Patientinnen mit einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse
kommt es während der Schwangerschaft durch die immunsuppressiven
Mechanismen der Schwangerschaft meist zu einer Normalisierung der
echoarmen Parenchymstruktur im Ultraschall und zu einem Rückgang
der Antikörper.
Bei allen Patientinnen mit Autoimmunerkrankungen muss auf den TSH-Rezeptor-Antikörper
(TRAK) hingewiesen werden. Dieser ist frei plazentagängig und
kann die Schilddrüse des Fetus stimulieren. Bei schwangeren
Patientinnen mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse muss
daher im dritten Trimenon eine TRAK-Kontrolle zum Ausschluss einer
möglichen fetalen Hyperthyreose durchgeführt werden.
Wie bereits erwähnt stellt eine Schwangerschaft für Patientinnen
mit Autoimmunerkrankungen ein ausgezeichnetes Immunsuppressivum
dar. Vor allem beim Morbus Basedow sinkt während der Schwangerschaft
meist die notwendige thyreostatische Dosis an Propylthiouracil.
Allerdings sind nach einer Schwangerschaft bzw. nach Abstillen Rezidive
häufig. Bei Patientinnen mit floridem Morbus Basedow und Kinderwunsch
sollte daher vor Konzeption eine definitive Therapie zumindest diskutiert
werden.
Schilddrüsenknoten
und Schwangerschaft.
Wachsende bzw. neu aufgetretene Schilddrüsenknoten während
einer Schwangerschaft müssen genau abgeklärt werden. Alle
Knoten >1 cm, die während einer Schwangerschaft entdeckt
werden, sollten ultraschallgezielt feinnadelpunktiert werden. Bei
nachgewiesener Malignität ist eine Operation im zweiten Trimenon
möglich.
Die
Schilddrüse in der post-partum Periode.
Postpartal kommt es oft zu einer Verschlechterung einer bestehenden
chronischen Immunthyreoiditis bzw. eines Morbus Basedow. Durch die
Schwangerschaft kann auch bei der Mutter eine Autoimmunthyreoiditis
neu induziert werden, die sich typischerweise in den ersten sechs
Monaten nach Geburt manifestiert (Postpartum-Thyreoiditis). Wie
bei allen Thyreoiditiden findet sich auch hier meist ein biphasischer
Verlauf: Eine passagere, durch Zerfall der Follikel ausgelöste
Hyperthyreose dauert Wochen bis eventuell Monate und kann dann schnell
in eine substitutionspflichtige Hypothyreose umschwenken. Die hyperthyreote
Phase ist meist nicht behandlungspflichtig (eventuell Betablocker
zur symptomatischen Therapie; Thyreostatika sind hier kontrainduziert).
Eine Hypothyreose ist immer therapiepflichtig. Bei der Postpartum-Thyreoiditis
ist eine Remission möglich, ein bis zwei Jahre postpartal sollte
ein Auslassversuch der T4 Medikation durchgeführt werden. Bei
allen Frauen mit erhöhten Schilddrüsen-Antikörpern
sollte drei und sechs Monaten postpartal der TSH-Wert kontrolliert
werden, auch bei allen Frauen mit Diabetes mellitus ist drei und
sechs Monaten postpartal eine TSH-Kontrolle zu empfehlen.
Literatur beim Verfasser
Univ.Doz. Dr. Georg Zettinig,
Dr. Karin Rudolph, Dr. Gerhild Kaukal
Schilddrüsenpraxis Josefstadt
Laudongasse 12/8, 1080 Wien
www.schilddruesenpraxis.at
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