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SCHILDDRÜSE
UND SCHWANGERSCHAFT
ZUSAMMENFASSUNG
Kinderwunsch,
Schwangerschaft, und die Zeit nach einer Geburt sind besondere Lebensabschnitte
bei Patientinnen mit Schilddrüsenerkrankungen. Bei jungen Frauen
sind Autoimmerkrankungen der Schilddrüse, die Einfluss auf
die Fruchtbarkeit und die intellektuelle und körperliche Entwicklung
des Föten haben können, häufig. Schilddrüsenerkrankungen
können sich in dieser Lebensphase auch erstmals manifestieren;
besondere Beachtung verdient die Wechselwirkung von Beta-HCG mit
dem TSH Rezeptor.
Diese Übersicht behandelt das aktuelle Management von Patientinnen
mit Schilddrüsenerkrankungen bei Kinderwunsch, Schwangerschaft
und in der Postpartal-Periode.
SUMMARY
The desire to have children, pregnancy, and post partum period are
special episodes in the life of patients with thyroid disease. In
young women, autoimmune diseases of the thyroid are frequent, which
affect fertility as well as the intellectual and physical development
of the foetus. In this period of life, the first manifestation of
a thyroid disease may occur. A special point of interest is the
interaction of Beta-HCG with the TSH receptor.
This review deals with the actual management of thyroid patients
before conception, during pregnancy, and after delivery.
EINLEITUNG
Kinderwunsch, Schwangerschaft, und die Zeit nach einer Geburt sind
besondere Lebensabschnitte bei Patientinnen mit Schilddrüsenerkrankungen.
Bei Erkrankungen der Schilddrüse muss die Diagnose der zugrunde
liegenden Erkrankung immer auf Basis von zwei verschiedenen Parametern
gemeinsam gestellt werden: (1) Schilddrüsenfunktion (primärer
Screeningparameter TSH sowie weitere Laborparameter); (2) Morphologie/Struktur
(primärer Screeningparameter Ultraschall). Nur in Zusammenschau
von Laborbefunden und Morphologie/Struktur kann die korrekte Diagnose
erfolgen, die einer adäquaten Therapie zugeführt wird
[1].
Die häufigsten Schilddrüsenerkrankungen von Frauen im
gebärfähigen Alter sind in Tab. 1. angeführt. Der
klinische Verlauf von Schilddrüsenerkankungen kann während
einer Schwangerschaft und in der post-partal Periode variieren,
und bei einzelnen Patientinnen können sich Schilddrüsenerkrankungen
während einer Schwangerschaft auch erstmals manifestieren.
Besondere Beachtung verdient die Wechselwirkung von Beta-HCG mit
dem TSH Rezeptor, die zu einem typischen Verlauf der Schilddrüsenfunktion
während der Schwangerschaft führt. Die vorliegende Übersicht
basiert unter anderem auf den Guidelines zum Management von Schilddrüsenerkrankungen
während Schwangerschaft und Postpartalperiode der Endocrine
Society [2]. Die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe empfiehlt ein TSH-Screening aller Schwangeren bis
zur 12. SSW [3]. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe Schilddrüse
und Endokrinologie der Österreichischen Gesellschaft für
Nuklearmedizin zum TSH-Screening bei Schwangeren lehnen sich an
die Clinical Guidelines der Endocrine Society an und sind in Tabelle
2 aufgelistet.
SCHILDDRÜSE UND KINDERWUNSCH
Eine Hypothyreose kann zu unregelmäßigem Zyklus, Infertilität,
erhöhtem Abortrisiko und zu eingeschränkter intellektueller
und körperlicher Entwicklung des Fetus führen [4]. In
der Literatur finden sich dazu verschiedene Erklärungsmodelle:
Die gesteigerte TSH Stimulation führt zu einer Erhöhung
der Prolaktinausschüttung. Zusätzlich kommt es zu Veränderungen
im Dopaminstoffwechsel, die zu einem verminderten Dopaminspiegel
und erhöhter Prolaktinsekretion führen. Die durch die
Hypothyreose bedingte Hyperprolaktinämie kann zu gestörter
Ovulation, einer gestörten Lutealphase, und sogar zu Oligo-
und Amenorrhoe führen [5]. Darüberhinaus vermindert Dopamin
die pulsatile Gonadotropin-Releasing-Hormon Ausschüttung, was
zu einem Anstieg des Luteinisierenden Hormons führen kann [5,6,7].
Eine Hypothyreose führt auch zu einem Abfall des Sexual-Hormon
bindenden Globulins und des Gesamt Estradiols sowie zu einem Anstieg
des freien Testosterons und Estradiols [5,6,7]. Der Metabolismus
von Estron und Androstendion ist vermindert [8]. Ein erhöhter
Spiegel von TSH und TRH kann auch eine Korpus Luteum Dysfunktion
verschlechtern [9]. Nach Eintritt einer Schwangerschaft tragen Schilddrüsenhormone
zur Stabilität der feto-plazentaren Einheit bei und sind ein
Faktor, der sich günstig bei drohenden Aborten auswirkt [10,11].
Obwohl eine Hypothyreose klar mit verminderter Fruchtbarkeit assoziiert
ist, ist eine Empfängnis bei hypothyreoten Frauen möglich.
Abalovich et al. [12] berichten, dass in ihrem Kollektiv 34% der
hypothyreoten Frauen schwanger wurden: 11% waren manifest hypothyreot,
während sich bei 89% eine subklinische Hypothyreose fand. Bei
nicht adäquater Substitutionstherapie kam es bei 60% der Frauen
mit manifester Hypothyreose und bei 71% der Frauen mit subklinischer
Hypothyreose zu einem Abort. 20% der Frauen mit manifester Hypothyreose
und 7% der Frauen mit subklinischer Hypothyreose erlitten Frühgeburten.
Da eine maternale Hypothyreose einen klar negativen Einfluss auf
die intellektuelle und körperliche Entwicklung des Fetus hat,
wird von der Endocrine Society bei bekannter Schildrüsenerkrankung
vor Konzeption ein TSH unter 2.5 uU/ml empfohlen [2].
In der Abklärung von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch
kann neben der Bestimmung des basalen TSH auch die Durchführung
eines TRH Tests hilfreich sein: Raber et. al. untersuchten ein Kollektiv
von 283 Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. In diesem fand
sich bei 41% bzw. 48% der Patientinnen mit primärer bzw. sekundärer
Infertilität eine Autoimmun-Thyreoiditis. Alle Patientinnen
mit einem Anstieg des TSH nach TRH Stimulation auf > 15 uU/ml
wurden mit Levothyroxin behandelt. Die Konzeptionsrate von 37% war
signifikant höher als in einem Vergleichskollektiv und unabhängig
von der Schilddrüsenfunktion vor T4 Therapie, von der T4 Dosis
oder von den Schilddrüsen-Antikörper-Titern. Patientinnen,
die nie ein basales TSH < 2.5 uU/ml oder ein TSH nach TRH Stimulation
< 20 uU/ml erreichten, wurden signifikant seltener schwanger
als ein Vergleichskollektiv [13].
Eldar Geva et al. untersuchten 87 Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch:
Obwohl sich beim basalen TSH Wert kein signifikanter Unterschied
zeigte, fand sich bei Patientinnen mit Ovulationsstörungen
signifikant häufiger ein TSH Anstieg > 30 uU/ml nach TRH
Stimulation im Vergleich zu Patientinnen mit normaler Ovulation.
Bei diesen Patientinnen fand sich auch eine hochsignifikante Korrelation
zwischen TSH und Prolaktin [14].
HYPOTHYREOSE:
DER EINFLUSS VON SCHLDDRÜSENHORMON AUF DIE FETALE ENTWICKLUNG
Eine unbehandelte maternale manifeste Hypothyreose ist mit Frühgeburten,
niedrigem Geburtsgewicht und neonatalem Lungenversagen assoziiert.
Zusätzlich dazu gibt es auch Hinweise auf eine erhöhte
fetale und perinatale Mortalität, die auch durch eine erhöhte
Rate an Gestations-Hypertonie bedingt sein könnte [12,15,16,17].
Auch bei Müttern mit subklinischer Hypothyreose wurden - allerdings
seltener - Komplikationen berichtet: In der Literatur findet sich
eine doppelt so hohe Rate an Frühgeburten [18] und bei Frühgeburten
vor der 32. Woche ist die Inzidenz der subklinischen Hypothyreose
3-fach erhöht [19].
Schilddrüsenhormone
sind ein essentieller Faktor für die Entwicklung des fetalen
Gehirns. Die fetale Schilddrüse akkumuliert erst ab der 10.
bis 12. Woche Jod und wird erst ab der 20. Woche durch das eigene
fetale TSH gesteuert. Zuvor erfolgt die Versorgung des Fetus offenbar
durch diaplazentaren Transport von mütterlichen Schilddrüsenhormonen.
Bereits 8 Wochen nach Konzeption finden sich beim Fetus nukleäre
Rezeptoren für Schilddrüsenhormon [20]. Schon vor 38 Jahren
wurden erste Berichte über einen signifikant reduzierten Intelligenzquotient
bei unbehandelter maternaler manifester Hypothyreose veröffentlicht
[21]. Bahnbrechend war die Studie von Haddow et al. 1999, die prospektiv
die Entwicklung von Kindern manifest und subklinisch hypothyreoter
Schwangerer beschrieb [22]: Im Schulalter durchführte neuropsychologische
Tests zeigten, dass bei Kindern von unbehandelten hypothyreoten
Müttern der Intelligenzquotient (IQ) im Schnitt 7 Punkte unter
dem von Kindern gesunder bzw. Thyroxin-behandelten Müttern
lag. Die Anzahl von Kindern mit einem IQ von mehr als zwei Standardabweichungen
unter dem mittleren IQ von Kontroll-Kindern war bei Kindern von
unbehandelt hypothyreoten Schwangeren dreimal so hoch.
PHYSIOLOGISCHE
VERÄNDERUNGEN WÄHREND EINER SCHWANGERSCHAFT: SCHILDDRÜSENHORMONWERTE
UND TSH:
Während der Schwangerschaft kommt es physiologischerweise zu
einer vermehrten Produktion von Thyroxin-bindendem Globulin, wodurch
sich eine Zunahme der Gesamthormonkonzentration im Serum ergibt
[1]. In der Schwangerschaft müssen daher immer die freien Hormone
bestimmt werden. Die Beta-HCG Konzentration nimmt im ersten Drittel
der Schwangerschaft deutlich zu. Beta HCG hat eine TSH ähnliche
Wirkung und stimuliert die Thyreozyten. Dadurch kommt es in der
Frühschwangerschaft zu einer vermehrten Schilddrüsenhormonproduktion
und konsekutiv zu einer TSH Erniedrigung. Selten kann sich daraus
eine subklinische oder latente Hyperthyreose entwickeln (Beta HCG
induzierte Hyperthyreose).
Von einzelnen Autoren werden "Trimester-spezifische" Normwerte
für die Schilddrüsenhormone und das TSH vorgeschlagen
[23,24]. Unbedingt beachtet werden muss, dass es physiologischerweise
im ersten Trimenon (maximal ausgeprägt in der ca. 10. Woche)
zu einem mäßigen Abfall des TSH kommt. Ein Anstieg des
TSH im ersten Trimenon ist mit einer erhöhten Abortrate assoziiert:
Raber et al berichten, dass in ihrer Studie die Frauen, die einen
Abort erlitten, zum Zeitpunkt des Aborts höhere basale TSH
Werte hatten, als zum Zeitpunkt der Konzeption [13]. Dies deckt
sich auch mit den Berichten anderer Autoren [11].
HYPOTHYREOSE
UND SCHWANGERSCHAFT
Die Diagnose einer Hypothyreose erfolgt durch ein erhöhtes
TSH im Serum, die freien T4 Werte im Serum unterscheiden zwischen
subklinischer und manifester Hypothyreose. Der Anstieg von TBG und
der Abfall von Albumin führen zu methodenabhängigen Änderungen
der fT4 Werte [25]. Ein einzelne Arbeit berichtet sogar, dass im
ersten Trimester bereits TSH Werte davon mehr als 2.3 uU/ml Ausdruck
einer subklinischen Hypothyreose sein können [24].
Die Behandlung der Hypothyreose in der Schwangerschaft erfolgt durch
die Gabe von Levothyroxin. Bei hypothyreoten Schwangeren ist der
Thyroxinbedarf höher, und bei bereits vor einer Schwangerschaft
mit Thyroxin behandelten Patientinnen muss die T4 Dosis meist um
30-50% erhöht werden.
HYPERTHYREOSE
UND SCHWANGERSCHAFT
Die häufigste Ursache einer Hyperthyreose in der Schwangerschaft
ist neben der Beta HCG induzierten Hyperthyreose der Morbus Basedow
[26]. Die Beta-HCG induzierte Hyperthyreose manifestiert sich typischerweise
in der zweiten Hälfte des ersten Trimenons als subklinische
Hyperthyreose. Meist normalisiert sich die Schilddrüsenfunktion
in den folgenden Wochen wieder, nur selten wird der Verlauf durch
eine Hyperemesis gravidarum, eine Gestose, oder eine manifeste Hyperthyreose
kompliziert.
Bei der Abklärung einer Hyperthyreose in der Schwangerschaft
ist neben der Bestimmung des TSH und der freien Hormone auch die
Bestimmung des TSH-Rezeptor Antikörper Titers (TRAK) und eine
Sonographie der Schilddrüse erforderlich. Ein positiver TRAK
ist beweisend für einen Morbus Basedow; ein negativer TRAK
und ein unauffällige Echostruktur in der Sonographie legen
eine Beta HCG induzierte Hyperthyreose nahe [1,26].
Risikofaktoren einer maternalen Hyperthyreose für den Fetus
bzw. das Neugeborene sind (1) die mütterliche Hyperthyreose
selbst, (2) der diaplazentaren Transport von TRAK, und (3) die Nebenwirkungen
der thyreostatischen Therapie.
(1) Mütterliche Hyperthyreose:
In retrospektiven Untersuchungen von fast 450 hyperthyreoten Schwangeren
war die Rate an Komplikationen zwischen behandelten und unbehandelten
Patientinnen wie folgt [2,27,28]: Präeklampsie 7% vs. 14-22%,
Herzinsuffizienz 3% vs. 60%, "Thyroid storm" 2% vs. 21%.
In zahlreichen Studien wird bei hyperthyreoten Schwangeren eine
Assoziation mit vermindertem intrauterinen Wachstum, niedrigem Geburtsgewicht,
und möglichem Abort berichtet (27,28]. Das mittlere erniedrigte
Geburtsgewicht sowie die Anzahl von Totgeburten scheint mit der
Schwere der maternalen Hyperthyreose assoziiert zu sein [28].
(2) Diaplazentarer Transport von TRAK
Schilddrüsen-Antikörper können die Plazentaschranke
passieren und stimulierende oder blockierende TSH Rezeptor Antikörper
können beim Fetus eine Hyper- oder eventuell auch Hypothyreose
induzieren. Die kommerziell verwendeten Assays zur TRAK Bestimmung
messen neben stimulierenden auch blockierende Antikörper. Obwohl
die Reaktivität im Assay (an eine Membranpräparation mit
TSH Rezeptoren) meist auch mit der TSH Stimulation einhergeht, können
prinzipiell auch blockierende Antikörper mitgemessen werden
[2]. Die Inzidenz einer neonatalen Hypothyreose auf Basis von diaplazentar
passierten TRAK ist aufgrund des Zusammenspiels von stimulierenden
und blockierenden Antikörpern sowie der thyreostatischen Therapie
der Mutter allerdings niedrig [29]. Es muss darauf hingewiesen werden,
dass die mütterlichen TRAK beim Kind langsamer abgebaut werden
als die diaplazentar passierten mütterlichen Thyreostatika.
Besonderes Augenmerk muss auf thyreoidektomierte oder Radiojod-therapierte
Mütter gelegt werden, da hier die klinische Symptomatik der
Mutter keinerlei Hinweise auf das klinische Bild des Fetus gibt
[29]. Die aussagekräftigsten Parameter für eine fetale
Hyperthyreose sind fetale Tachykardie, vermindertes intrauterines
Wachstum, fetale Herzinsuffizienz, sowie fetale Struma.
(3) Thyreostatische Therapie
Zur thyreostischen Therapie stehen in Österreich Thiamazol
und Propylthiouracil zur Verfügung. Da Propylthiouracil stärker
an Albumin gebunden wird als Thiamazol kann postuliert werden, dass
ersteres geringer plazentagängig ist. Die Empfehlung für
Propylthiouracil in der Schwangerschaft resultiert unter anderem
auch auf eine Studie, die eine geringere diaplazentare Passage von
Propylthiouracil beschreibt.
Wenn Patientinnen mit einer subklinischen Hyperthyreose behandelt
werden, so führt dies zu keinem verbesserten Outcome, sondern
nur zu einer unnotwendigen Belastung des Fetus durch die Thyreostatika
[30,31,32]. Bei der maternalen manifesten Hyperthyreose muss gewährleistet
sein, dass die Normalisierung der Schilddrüsenfunktion bei
der Mutter nur einen minimalen Effekt auf den Fetus hat. Sieben
Studien untersuchten einen möglichen Zusammenhang zwischen
der Thyreostatika-Dosis und der neonatalen Schilddrüsenfunktion
und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Momotani et al. fanden,
dass bereits Thyreostatika in niedriger Dosierung (< 100 mg Prothiucil,
< 10 mg Thiamazol) die fetale Schilddrüsenfunktionfunktion
beeinflussen beeinflussen können [33]. Eher als die absolute
Thyreostatikadosis scheint die aktuelle mütterliche Schilddrüsenfunktion
eine Orientierung für die fetale Schilddrüsenstoffwechsellage
zu sein. Wenn der mütterliche T4 Spiegel im oberen Drittel
von Nichtschwangeren liegt, sind bei mehr als 90% der Neugeborenen
die T4 Werte im Normalbereich.
Es gibt keine Berichte über teratogene Effekte durch Prothiucil,
aber es werden unter Thiamazoltherapie bei Schwangeren vereinzelte
Fälle von Aplasia cutis und Choanal- bzw. Ösophagusatresie
berichtet. Während Laktation scheinen Dosen von Prothiucil
< 300 mg/Tag bzw. Thiamazol < 20 mg/Tag keinen Effekt auf
den Säugling zu haben.
Selbstverständlich ist die Durchführung einer Radiojodtherapie
während Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Eine
diagnostische Szintigraphie mit Tc99m ist bei stillenden Müttern
zur Differentialdiagnose einen Morbus Basedow versus einer passageren,
durch Zellzerfall ausgelösten Thyreoiditis möglich, allerdings
muss nach Applikation des Radiopharmakons für 24 Stunden die
Milch verworfen werden [34]. Eine Thyreoidektomie im 2. Trimester
ist bei medikamentös nicht therapierbarer Hyperthereose möglich.
AUTOIMMUNERKRANKUNGEN
DER SCHILDDRÜSE IN DER SCHWANGERSCHAFT
Zahlreiche Autoren haben einen möglichen Zusammenhang zwischen
erhöhten Schilddrüsenantikörpern und Fehlgeburten
untersucht. Diesbezüglich scheint in unselektierten Kollektiven
ein Zusammenhang zu bestehen. Ob dieser allerdings tatsächlich
durch Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse bedingt ist, oder
ob die erhöhten Antikörper lediglich Ausdruck eines Markers
für mögliche andere begleitende Autoimmunerkrankungen
[35,36] sind, ist offen.
Generell kommt es in einer Schwangerschaft meist zu einer mäßigen
Regression von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse. Nach
Geburt finden sich häufig Rezidive vorbestehender Autoimmunerkrankungen.
Mit Patientinnen mit floridem Morbus Basedow und dringlichem Kinderwunsch
sollte die Möglichkeit einer Thyreoidektomie vor Konzeption
diskutiert werden.
SCHILDDRÜSENKNOTEN,
SCHILDDRÜSENKARZINOM UND SCHWANGERSCHAFT
Die Abklärung von Schilddüsenknoten während einer
Schwangerschaft erfolgt grundsätzlich wie bei Nichtschwangeren
[40]; eine Schilddrüsenszintigraphie ist zur Diagnostik eines
Schilddrüsenknotens bei schwangeren Patientinnen kontraindiziert.
Der größte diagnostische Stellenwert kommt hier der ultraschallgezielten
Feinnadelpunktion zu. Eine Operation ist wenn, im 2 Trimenon anzustreben;
selbst bei punktionszytologischem Verdacht auf Malignität kann
eventuell mit der Operation bis nach der Geburt zugewartet werden
[2].
Es gibt keinen Hinweis, dass eine Schwangerschaft die Prognose differenzierter
Schilddrüsenkarzinome verschlechtert; und es besteht keine
Indikation zu einem Schwangerschaftsabbruch aufgrund der Diagnose
eines differenzierten Schilddrüsenkarzinoms während einer
Schwangerschaft [2]. Bei Patientinnen mit Zustand nach Schilddrüsenkarzinom
verschlechtert eine Schwangerschaft die
Prognose nicht [38]. Auch ist klar erwiesen, dass ein Zustand nach
ablativer Radiojodtherapie die Prognose einer Schwangerschaft nicht
verschlechtert. Eine Radiojodtherapie ist bei stillenden Müttern
kontraindiziert, und bei ablativer Radiojodtherapie nach Schilddrüsenkarzinom
muss im Anschluss ein Jahr lang verhütet werden.
DIE
POST PARTUM PERIODE
Die Post-partum Thyreoiditis verläuft wie andere Thyreoiditiden
phasenweise: Eine passagere, durch Zellzerfall ausgelöste hyperthyreote
Phase geht in Folge in eine Euthyreose über, der meist eine
Hypothyreose folgt [1]. Der Zeitverlauf der einzelnen Phasen ist
variabel. Sie tritt definitionsgemäß im ersten Jahr nach
Geburt auf und scheint eine autoimmune Genese zu haben. Die Prävalenz
wird in Europa mit 3-9% angegeben; bei Frauen mit Diabetes mellitus
Typ 1 liegt sie wesentlich höher. Positive TPO Antikörper
im ersten Trimenon identifizieren Patientinnen mit erhöhtem
Risiko für eine post partum Thyreoiditis [39]. Die Dauer der
hyperthyreoten Phase wird in der Literatur zwischen einem und 6
Monaten angegeben; die hypothyreote Phase tritt zwischen 3 und 8
Monaten nach Geburt auf. Die Klinik sowohl der hyperthyreoten als
auch der hypothyreoten Phase ist variabel. Zur Zeit gibt es noch
keine allgemein akzeptierten Therapischemata bei Post partum Thyreoiditis.
Bis zu 64% der Frauen entwickeln in Folge eine permanente therapiepflichtige
Hypothyreose [40,41,42].
Auch im großen Kollektiv der Patientinnen mit vorbekannter
chronischer Immunthyreoiditis findet sich nach Geburt häufig
eine passagere hyperthyreote Phase, die dann sehr schnell in eine
Hypothyreose übergehen kann. Die durch Zellzerfall ausgelöste
hyperthyreote Phase zeigt typischerweise keine Speicherung in der
Szintigraphie, eine thyreostatische Therapie ist bei diesen Patientinnen
kontraindiziert. Bei stillenden Müttern muss nach der Szintigraphie
mit Tc99m die Milch für 24 Stunden verworfen werden [34].
JODSTOFFWECHSEL
IN DER SCHWANGERSCHAFT
Für Erwachsene wird eine tägliche Jodaufnahme von 150
µg pro Tag empfohlen. In der Schwangerschaft steigt der Jodbedarf
durch eine erhöhte renale Clearance, den Jodverbrauch des Feten
und die Zunahme des intravasalen Verteilungsraumes an [43]. In der
Frühschwangerschaft muss die Jodaufnahme erhöht werden,
um eine notwendige Steigerung der Schilddrüsenhormonproduktion
zu ermöglichen [44]. In Gebieten mit ausreichender Jodversorgung
sind die intrathyreoidalen Jodspeicher vor Konzeption ausreichend
gefüllt; in Jodmangelgebieten findet sich allerdings während
einer Schwangerschaft eine Abnahme der Jodauscheidung im Urin; korrspondierend
dazu kann es zu einer mütterlichen Hypothyroxinämie, einer
gesteigerten Stimulation der hypothalamisch-hypophysär-thyreoidalen
Achse und zur Ausbildung einer maternalen und fetalen Struma kommen
[45]. Vor Konzeption ist daher eine Jodaufnahme von zumindest 150
µg pro Tag anzustreben. Eine Untersuchung der Arbeitsgruppe
Schilddrüse der Österreichischen Gesellschaft für
Nuklearmedizin bei Schulkindern in Graz, Klagenfurt und Feldkirch
ergab 2004, dass bei diesen Kindern die Jodversorgung nur im untersten
von der WHO empfohlenen Normalbereich liegt [46]. Bei Schwangeren
wird von der WHO eine tägliche Jodaufnahme von 250 µg
pro Tag empfohlen, und es ist eindeutig, dass diese in Österreich
nicht erreicht wird [47]. Eine Jodsubstitution soll daher möglichst
schon in der Frühschwangerschaft begonnen werden und allen
Schwangeren angeboten werden [3].
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1-3.
Tabelle 1
Erkrankungen der Schilddrüse bei Frauen im gebärfähigen
Alter:
Chronische Immunthyreoiditis
Andere Thyreoiditiden (subakute Thyreoiditis de Quervain, silent
Thyreoiditis, medikamentös induzierte Thyreoiditiden z.B. nach
Interferon)
Morbus Basedow
Struma nodosa
Struma diffusa
St. Thyreoidektomie bzw. subtotaler Resektion
St. p. Schilddrüsenkarzinom
St. p. Radiojodtherapie
St. p. Radiatio des Halses in Kindheit oder Jugend
Hyperthyreosis factitia
Thyreopathie bei Lithium-Therapie
Kongenitale Hypothyreose
Tabelle 2
Empfehlungen zum TSH Screening bei Schwangeren [nach 2]:
1) Frauen mit einem anamnestischen
Hinweis auf Hypothyreose, Hyperthyreose, oder einer Schilddrüsenoperation
2) Frauen mit der Familienanamnese einer Schilddrüsenerkrankung
3) Frauen mit Struma
4) Frauen mit Schilddrüsenantikörpern
5) Frauen mit Symptomen oder klinischen Zeichen einer Hypothyreose
6) Frauen mit Typ 1 Diabetes
7) Frauen mit anderen Autoimmunerkrankungen
8) Bei infertilen Frauen sollten eine TSH Bestimmung im Rahmen der
Abklärung ihrer Infertilität durchgeführt werden
9) Frauen mit Bestrahlung des Kopfes oder Halses in der Anamnese
10) Frauen mit Abort in der Anamnese
Tabelle 3:
Jodbedarf in der Schwangerschaft: Empfehlungen der WHO [nach 47].
Zielgruppe Empfohlene
Jodaufnahme (µg/Tag)
Schwangere Frauen: 250
Stillende Frauen 250
Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter 150
Kinder unter 2 Jahren 90
Verfasser:
Univ. Doz. Dr. Georg
Zettinig
Laudongasse 12/8
A-1080 Wien
www.schilddruesenpraxis.at
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