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SCHILDDRÜSE
UND KINDERWUNSCH
Einleitung.
Mit
der Schilddrüse hat man tatsächlich eine kleine Hormonfabrik
am Hals. Verschiedene Schilddrüsenerkrankungen führen
zu Funktionsstörungen der Schilddrüse, die bei Frauen
eine große Bedeutung in Bezug auf Kinderwunsch, Schwangerschaft
und die Post-partal-Periode haben. In diesem Lebensabschnitt finden
sich bei Frauen oft Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse,
eine zweite häufige Ursache sind iatrogene Effekte (Zustand
nach Operation bzw. Radiojodtherapie). Tabelle 1 listet die wichtigsten
Krankheiten bei Frauen im gebärfähigen Alter auf, die
zu Funktionsstörungen der Schilddrüse führen.
Schilddrüsenfunktion.
Funktionsstörungen
der Schilddrüse werden durch die Bestimmung der freien Schilddrüsenhormone
und des TSH festgestellt. Eine eventuell veränderte Morphologie
/ Struktur wird im Ultraschall als primäre Screeningmethode
nachgewiesen. In Zusammenschau beider Parameter erfolgt die Diagnose
der zugrundeliegenden Erkrankung, die dann einer adäquaten
Therapie zugeführt wird. TSH ist der zentrale Parameter zur
Bestimmung der Schilddrüsenfunktion. Ein normales TSH schließt
beim Screening eine Schilddrüsenfunktionsstörung praktisch
aus. Das im Hypophysenvorderlappen produzierte Hormon TSH steuert
die Abgabe der Schilddrüsenhormone T4 und T3 ins Blut; es besteht
eine negative Rückkoppelung zwischen T4-Spiegel im Blut und
TSH-Sekretion (Abb. 1).
Weit über 99 % der Schilddrüsenhormone sind an Transportproteine
gebunden. Das wichtigste Transportprotein ist das TBG (thyroxinbindende
Globulin), die Affinität der Schilddrüsenhormone zu den
beiden weiteren Bindungsproteinen Transthyretin und Albumin ist
geringer. Durch diese Proteinbindung hat T4 eine biologische Halbwertszeit
von acht Tagen im Blut. Da bei Bestimmung der gebundenen Hormone
auch unbedingt der Status der Bindungsproteine berücksichtigt
werden muss um die Schilddrüsenfunktionslage richtig beurteilen
zu können, sollte heutzutage nicht mehr das proteingebundene
(TT4), sondern unbedingt das freie T4 bestimmt werden. Einer der
häufigsten Pitfalls bei der Bestimmung der Schilddrüsenfunktionslage
ist ein erhöhtes Gesamt-T4 und erhöhtes Gesamt-T3 bei
normalem TSH. Dies ist durch Einnahme der "Pille" bedingt;
die freien Hormone sind bei diesen Patientinnen im Normbereich.
Wirkung
der Schilddrüsenhormone auf den Organismus.
Eine
beginnende Schilddrüsenunterfunktion ist eine häufige
Ursache für unerfülltem Kinderwunsch. Typische Symptome
einer Hypothyreose sind Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Gewichtszunahme,
Obstipation, Bradykardie und Hypertonie. Die Haut ist kühl
und trocken, bei ausgeprägter Hypothyreose kommt es zu teigiger
Konsistenz und nicht eindrückbaren Schwellungen (Myxödem).
Die Patientinnen klagen über vermehrten Haarausfall, brüchige
Fingernägel und sind insgesamt verlangsamt und desinteressiert.
Häufig findet sich ein unregelmäßiger Zyklus, dieser
kann verkürzt, verlängert oder sogar teilweise völlig
ausbleibend sein. Oft zeigt sich eine begleitende milde Prolaktinerhöhung.
Der erhöhte Prolaktinspiegel steigert über eine positive
Rückkoppelung den hypophysären Dopaminumsatz und führt
zum Anstieg der endogenen Opiate. Diese dämpfen den GNRH-Pulsgenerator.
Die Folge ist eine Störung der pulsatilen Ausschüttung
des GNRH (Gonatotropin Releasing Hormon), was wiederum zu einer
Beeinträchtigung der Ovarialfunktion führt. Prolaktin
kann zudem die Follikelreifung und Gelbkörperfunktion im Ovar
hemmen. Die möglichen gynäkologischen Effekte einer subklinischen
Hypothyreose sind in Tabelle 2 aufgeführt. Kinderwunschpatientinnen
mit einer grenzwertigen Schilddrüsenunterfunktion sind oft
asymptomatisch.
Diagnostik
der Schilddrüsenfunktion bei unerfülltem Kinderwunsch.
Bei
jeder Patientin mit unerfülltem Kinderwunsch ist eine Bestimmung
des basalen TSH erforderlich; idealerweise sollte auch ein TRH-Test
durchgeführt werden (20 min. nach iv. Injektion von 200 µg
TRH (Thyreoidea Releasing Hormon) wird die TSH-Ausschüttung
nach Stimulation beurteilt). Bei allen Patientinnen mit Kinderwunsch
sollte ein TSH-Wert <2.5 angestrebt werden. Insbesondere bei
Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch sollte ein TSH-Wert
um 1 erreicht werden, der TSH-Anstieg nach i.v. TRH-Stimulation
sollte unter 15 liegen.
Schilddrüsentherapie
bei unerfülltem Kinderwunsch.
Alle Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch und TSH >2.5
bzw. Anstieg nach i.v. TRH-Stimulation >15 sollten vor Therapiebeginn
einer weiteren Schilddrüsenabklärung zugeführt werden
(Schilddrüsenultraschall, Bestimmung der Schilddrüsenautoantikörper,
eventuell Szintigrafie). Nachdem die zugrundeliegende Krankheit
diagnostiziert wurde, wird eine Therapie mit Levothyroxin eingeleitet.
Drei Monate nach Therapieeinleitung erfolgt eine Kontrolle der Schilddrüsenfunktion
(Bestimmung TSH, fT4, TRH-Test), TSH-Werte um 1 sowie ein Anstieg
im TRH-Test unter 15 sind anzustreben. Es werden Kontrollen in zumindest
sechsmonatigen Abständen durchgeführt, bei schwankender
Schilddrüsenfunktion wird die Hormonsubstitution dementsprechend
angepasst. Es muss daran gedacht werden, dass nach Therapieänderung
eine TSH Bestimmung erst nach mindestens 6-wöchiger Einnahme
von Schilddrüsenhormon in gleicher Dosierung aussagekräftig
ist.
Sollte eine Schwangerschaft eintreten, ist die Schilddrüsenhormonsubstitution
unbedingt weiter fortzuführen, insbesondere im ersten Trimenon
sind regelmäßige Schilddrüsenhormonkontrollen mit
Dosisadaptation notwendig (4-8 wöchig). Es besteht eine Wechselwirkung
des Beta-HCG mit dem TSH-Rezeptor, daher kommt es zu einem physiologischen
Anstieg des fT4 um die 10. Woche mit konsekutivem Abfall des TSH.
Bei substituierten Patienten kommt es in dieser Zeit oft zu erhöhtem
Substitutionsbedarf, auch im dritten Trimenon der Schwangerschaft
ist ein erhöhter Substitutionsbedarf häufig.
Mehrere große Studien evaluierten Therapieschemata bei Schwangeren
bzw. unerfülltem Kinderwunsch. Zum Beispiel fand sich das signifikant
seltenere Eintreten einer Schwangerschaft, wenn niemals ein TSH
<2.5 bzw. nach TRH-Stimulation <20 erreicht wurde. Signifikant
häufiger erfolgte das Eintreten einer Schwangerschaft bei regelmäßigen
Schilddrüsenkontrollen, im Median sechs Monate nach Therapiebeginn.
Die Empfehlungen der amerikanischen Fachgesellschaft, der Endocrine
Society zur Schilddrüsenabklärung während Schwangerschaft
sind in Tabelle 3 angeführt, an diese Faktoren ist auch bei
Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch zu denken.
Zum
zweiten Teil - Schilddrüse und Schwangerschaft
Literatur beim Verfasser
Univ.Doz.
Dr. Georg Zettinig, Dr. Karin Rudolph, Dr. Gerhild Kaukal
Schilddrüsenpraxis Josefstadt
Laudongasse 12/8, 1080 Wien
www.schilddruesenpraxis.at
Tabelle 1
Wichtige Erkrankungen, die zu Funktionsstörungen der Schilddrüse
bei Frauen im gebärfähigen Alter führen:
o Chronische Immunthyreoiditis:
oft initial mehrmonatige passagere hyperthyreote Phase, in Folge
Euthyreose, langfristig subklinische und später manifeste Hypothyreose.
o Morbus Basedow: ebenfalls
Autoimmunerkrankung; auf Basis einer TSH-Rezeptor-Antikörper-Bildung
Auftreten einer Hyperthyreose.
o Zustand nach anderer
Thyreoiditiden: subakute Thyreoiditis de Quervain, Silent Thyreoiditis,
medikamentös induzierte Thyreoiditis (Interferon, Amiodaron)
o Zustand nach Schilddrüsenoperation
o Zustand nach Radiojodtherapie
o Zustand nach Bestrahlung
des Halses in der Jugend
Tabelle 2
Mögliche Effekte einer subklinischen Hypothyreose:
o Unregelmäßiger
Zyklus: verkürzt, verlängert, teilweise sogar völlig
ausbleibend
o Oft begleitende milde Prolaktinerhöhung
o Follikelreifungsstörungen
o Corpus-luteum-Insuffizienz
Tabelle 3
Empfehlungen der Endocrine Society zur Abklärung der Schilddrüse
während Schwangerschaft
o Hyper- bzw. Hypothyreose
in der Anamnese
o Zustand nach Schilddrüsenoperation
o TSH >2.5 bzw. 0.4
o Schilddrüsenerkrankungen in der Familie
o Struma
o Positive Schilddrüsenantikörper
o Klinische Zeichen einer Schilddrüsenüber- bzw. -unterfunktion
o Diabetes mellitus Typ I oder andere Autoimmunerkrankungen
o Zustand nach Bestrahlung des Halses
o Zustand nach Abort, Frühgeburt
Abb. 1
Der hypothalamisch hypophysäre thyreoidale Regelkreis (aus:
Zettinig/Buchinger: Schilddrüse - kurz und bündig, Krause
& Pachernegg 2005).
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