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Begleitende
Autoimmunerkrankungen bei chronischer Immunthyreoiditis
Die chronische Immunthyreoiditis ist eine häufige Erkrankung,
die oft mit anderen Autoimmunerkrankungen assoziiert ist. In dieser
Übersicht werden verschiedene begleitende Autoimmenerkrankungen
besprochen und der Einfluss einzelner Erkrankungen auf das diagnostische
und therapeutische Management von Patienten mit chronischer Immunthyreoiditis
diskutiert.
Einleitung
Die chronische Immunthyreoiditis ist eine Autoimmunerkrankung, bei
der spezifische Antikörper gegen Schilddrüsenperoxidase
(TPO-Antikörper) und Thyreoglobulin (Tg-Antikörper) eine
zytotoxische Autoimmunreaktion vermitteln und unterhalten. Dies
führt zu einer meist schmerzlosen progredienten Zerstörung
der Schilddrüsenfollikel. Die hypertrophe Form geht mit einer
durch die lymphoplasmozelluläre Infiltration bedingten Vergrösserung
der Schilddrüse einher, bei der atrophischen Form kommt es
zu fibrotischem Umbau. Bei beiden Erkrankungen führt die Funktionseinschränkung
oft zu einer permanent therapiepflichtigen Hypothyreose.
Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse treten familiär
gehäuft auf. Pathogenetisch besteht neben Umwelteinflüssen,
psychosozialen, und immunologischen Faktoren auch eine genetische
Prädisposition. Beim Morbus Basedow, bei dem die Autoimmunreaktion
durch Antikörper gegen den TSH Rezeptor vermittelt wird, liegt
eine immunogenetische Ursache nahe: Eine Assoziation der Erkrankung
mit dem HLA-System steht außer Zweifel. Bei der chronischen
Immunthyreoiditis scheint das HLA System im Rahmen der genetischen
Prädisposition ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen; hier
wurden aber auch schon zahlreiche Gene außerhalb des HLA Systems
identifiziert.
Geschichtliches
Bereits 1926 beschrieb der deutsche Pathologe Schmidt "eine
biglanduläre Erkrankung (Nebenniere und Schilddrüse) bei
Morbus Addissonii". 1981 wurde erstmals der Begriff des polyglandulären
Autoimmunsyndroms (PAS) verwendet: Die Assoziation von zwei oder
mehreren endokrinen Erkrankungen, bei denen autoimmune Mechanismen
pathogenetisch eine Rolle spielen. Das PAS Typ 1 (chronische mucocutane
Candidiasis, chronischer Hypoparathyreoidismus, Nebennierenrindeninsuffizienz)
kommt vor allem im Kindes- und Jugendalter vor, das PAS Typ 2 ist
definiert als das gleichzeitige Vorkommen von Nebennierenrindenisuffizienz,
Autoimmunthyreoiditis, und/oder Diabetes mellitus Typ I.
Die Erstbeschreiber der polyglandulären Autoimmunsyndrome definierten
auch noch ein PAS Typ 3: Die Assoziation einer Autoimmunthyreoiditis
mit Typ I Diabetes mellitus Typ 1, perniziöser Anämie,
Vitiligo, Alopecia areata, oder Autoimmunhepatitis bei intakter
Nebennierenrinde. Obwohl der Begriff des PAS Typ 3 bereits seit
den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht mehr verwendet wird,
zeigten zahlreiche Studien, dass Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse
mit anderen Autoimmunerkrankungen assoziiert sind.
Morbus Addison
Der Morbus Addison ist ebenso wie der Morbus Basedow mit dem HLA-DQA1
Gen assoziiert; bei der chronischen Immunthyreoiditis besteht ein
gemeinsamer Polymorphismus im T-Lymphozyten Antigen 4 Gen. Das gemeinsame
Vorkommen von Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und Morbus
Addison ist die Grundlage des Polyglandulären Autoimmunsyndroms
Typ 2 (Schmidt Syndrom).
Dermatitis herpetiformis
und Zöliakie
Bereits 1912 erschien der erste Bericht über einen Zusammenhang
zwischen Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse und der gluten-sensitiven
Dermatopathie, die eine gemeinsame genetische Prädisposition
mit Zöliakie zeigt. Sechs Studien bestätigten eine erhöhte
Prävalenz an Schilddrüsenautoantikörpern bei Patienten
mit Dermatitis herpetiformis; und in einer eigenen Untersuchung
konnte gezeigt werden, dass Dermatitis herpetiformis mit der atrophischen,
nicht jedoch mit der hypertrophen Form der chronischen Immunthyreoiditis
assoziiert ist.
Bei bis zu 48% der Patienten mit Dermatitis herpetiformis finden
sich erhöhte Titer an Schilddrüsenautoantikörpern,
umgekehrt zeigt sich bei bis zu 4.8% der Patienten mit chronischer
Immunthyreoiditis eine Zöliakie. Aufgrund der hohen Prävalenz
sollten daher Zöliakie-Patienten auf das vorliegen einer chronischen
Immunthyreoiditis gescreent werden; immer sollte auch daran gedacht
werden, dass es bei der Entwicklung einer Zöliakie zur Malabsorbtion
der Levothyroxin-Medikation kommen kann.
Diabetes mellitus
Typ 1
Bei Patienten mit Typ 1 Diabetes ist die Prävalenz der chronischen
Immunthyreoiditis hoch: Bis zu 30% der jungen Patienten haben erhöhte
Titer an Schilddrüsenautoantikörpern; bei Frauen mit Typ
1 Diabetes beträgt die Inzidenz der Postpartum-Thyreoiditis
bis zu 25%. Hier muss man immer auch die Wechselwirkung zwischen
Schilddrüsenhormonen und Insulin beachten: Schilddrüsenhormone
steigern sowohl die Insulinsensitivität, als auch den Insulinabbau.
Dadurch steigt in der Hyperthyreose der Insulinbedarf.
Vitiligo
1887 erfolgte erstmals die Beschreibung eines Patienten mit Vitiligo
und einem Myxödem; zahlreiche weitere Untersuchungen bestätigten
einen Zusammenhang zwischen Vitiligo und der chronischen Imunthyreoiditis.
Die Hauterkrankung findet sich in bis zu 7% der Patienten mit chronischer
Immunthyreoiditis. In einer eigenen Untersuchung an 106 Patienten
mit Vitiligo fand sich bei 22% eine chronische Immunthyreoiditis.
Die Schilddrüsenerkrankung trat nie vor der Vitiligo auf; sie
manifestierte sich stets gleichzeitig oder bis zu 35 Jahre nach
der Vitiligo. Bei Patienten mit Vitiligo sollte daher in jährlichen
Abständen das TSH kontrolliert werden, um eine Schilddrüsenerkrankung
frühzeitig zu erfassen.
Weitere Autoimmunerkrankungen
Bei zahlreichen weiteren Autoimmunerkrankungen findet sich eine
Assoziation mit der chronischen Immunthyreoiditis; diese sind unten
m Detail aufgelistet.
Stets sollte an solche Assoziationen gedacht werden, um aus der
großen Zahl der Patienten mit chronischer Immunthyreoiditis
jene zu identifizieren, bei denen weitere begleitende Autoimmunerkrankungen
vorliegen.
Organspezifische Autoimmunerkrankungen
Zöliakie / Dermatitis
herpetiformis
Morbus Addison
Vitiligo
Diabetes Mellitus Typ 1
ACTH Defizienz
Perniziöse Anämie
Alopezia areata
Vorzeitige Ovarialinsuffizienz
Multiple Sklerose
Myasthenia gravis
Primär biliäre Zirrhose
Goodpasture Syndrom
Chronisch aktive Hepatitis
Nicht organspezifische Autoimmunerkrankungen
Systemischer Lupus Erythematodes
Rheumatoide Arthritis
Systemische Sklerose
Sjögren Syndrom
Juvenile chronische Arthritis
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