INHALATIONS / PERFUSIONSSZINTIGRAPHIE
Obwohl
schon seit Jahrzehnten etabliert, ist die Inhalations /
Perfusionsszintigraphie der Lunge immer noch
das bildgebende Verfahren der Wahl zum Ausschluss einer Lungenembolie.

Die
Lungenembolie (Pulmonalembolie, PE) ist eine Erkrankung mit einer Inzidenz von ungefähr
70/100.000, an der innerhalb der ersten drei Monate nach Diagnosestellung
über 17% der Patienten versterben. Trotz
aller Fortschritte in der Medizin ist die Diagnose bei vielen Patienten
schwierig. Der diagnostische „Goldstandard“ für diese Fragestellung,
die Pulmonalisangiographie wird in vielen Fällen
nicht durchgeführt, da sie invasiv,
teuer und logistisch aufwendig ist. EKG, Thoraxröntgen, D-Dimer, und
Echokardiographie liefern nur indirekte Hinweise. Neben der
Spiral-Computertomographie ist die Inhalations-
/ Perfusionsszintigraphie die wichtigste diagnostische Methode bei der
Abklärung dieser Patienten.
Diese
nuklearmedizinische Untersuchung setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Bei
der Perfusionsszintigraphie werden mit dem Gammastrahler Technetium-99m
(Tc99m) radioaktiv markierte makroaggregierte Albuminpartikel intravenös
verabreicht. Diese führen in ca. jeder 1.000ste
Kapillare zu einer vorübergehenden Mikroembolisation und es wird mit
einer Gammakamera die Verteilung des Tracers in den Lungen aus 6
bis 8 Projektionen dargestellt. Areale mit herabgesetzter Perfusion
stellen sich als Speicherdefekte dar; ein unauffälliger Perfusionsscan
schließt eine klinisch
relevante und therapiebedürftige Lungenembolie praktisch aus. Im
Gegensatz dazu kann aus dem Vorliegen von Perfusionsdefekten noch nicht
sicher auf das Vorhandensein von Pulmonalembolien geschlossen werden, da
sich u.a. auch jede Ventilationsstörung konsekutiv (alveolo-kapillaren
Reflex) zu einer regionalen Perfusionsstörung führt.
Zur
Untersuchung der Belüftung der Lunge wurde früher eine
Ventilationsszintigraphie durchgeführt. Dazu wird ein ein radioaktives
Edelgas (Krypton-81m oder Xenon-133) inhaliert und dynamisch mit einer
Gammakamera die Verteilung dargestellt. Alternativ wird heute durch das
Einatmen Tc-99m markierter Aerosole nur der erste Teil der Ventilation,
die Inhalation, untersucht. Wieder zeigen vermindert ventilierte Areale
eine herabgesetzte Traceranreicherung.
Das
nuklearmedizinische Substrat einer Lungenembolie sind normal ventilierte
Areale, die eine herabgesetzte Perfusion zeigen
(nicht gematchte Defekte, „Mismatch“). Um Fehlinterpretationen
anderer Ursachen einer verminderte
Ventilation oder Perfusion (Pneumonie, Pleuraerguß, Kardiale
Dekompensation, Pneumothorax, Metastasen, ....) zu vermeiden, ist zur
Befundung immer auch ein aktuelles Thoraxröntgenbild in zwei Ebenen
erforderlich. Bereits vor mehreren Jahrzehnten wurde die
diagnostische Wertigkeit der Lungenszintigraphie in großen Studien
evaluiert. Die größte davon war die PIOPED-Studie, nach der die
Lungenscans noch heute in drei Wahrscheinlichkeitskategorien unterteilt
werden (Tabelle 1): In Abhängigkeit vom klinischen Eindruck
(Vortestwahrscheinlichkeit) kann bei einem szintigraphischen Normalbefund
sowie bei Scans mit niedriger Wahrscheinlichkeit für eine rezente
PE die Diagnostik beendet werden. Es konnte gezeigt werden, daß diese
Patienten, bei denen sich trotz nahezu-normalem Lungenscan
pulmonalangiographisch ein Thrombus nachweisen ließ, auch ohne
spezifischer Therapie eine klinisch komplikationslose Heilung erreicht
wurde. Bei Scans mit hoher Wahrscheinlichkeit für rezente PE muß der
Patient als PE therapiert werden. Dazwischen steht nach den revised PIOPED
Kriterien noch die Gruppe der Scans mit mittlerer Wahrscheinlichkeit für
rezente PE; bei diesen Patienten ist eine weiterführende Diagnostik
(Spiral-Computertomographie oder Pulmonalisangiographie) erforderlich. Die
Einteilung in drei Wahrscheinlichkeitskategorien nach PIOPED ist auf den
ersten Blick vielleicht etwas umständlich, sie ist jedoch schon lange bewährt
und gut evaluiert.
Eine
komplette Inhalations-/Perfusionsszintigraphie dauert ungefähr eine
Stunde; die Strahlenbelastung liegt unter 2 mSv, was nur dem Bruchteil der
Strahlenbelastung einer Computertomographie entspricht, die zwischen 10
und 20 mSv liegt. In vielen Fällen läßt sich die Diagnostik auch schon
nach einem Perfusionsscan abschließen, der nur ca. 15 Minuten in Anspruch
nimmt. Die Szintigraphie basiert auf bereits in den 80er Jahren
entwickelte Methoden; sie wurde jedoch in den letzten Jahren ständig
weiterentwickelt. Neben planaren Aufnahmen können heute bei speziellen
Fragestellungen auch dreidimensionale Schnittbildaufnahmen (SPECT) möglicherweise
eine bessere diagnostische Aussage bieten, ebenso ist die Entwicklung
ultrafeiner Aerosole ein erfolgversprechender Ansatz.
Nach Einführung
der Spiral CT wurden in den letzten Jahren zahlreiche Untersuchungen
durchgeführt, in denen die diagnostische
Wertigkeit der beiden Methoden verglichen wurde. Eine Zusammenschau der
zum Teil auf sehr speziellen Patientenkollektiven basierenden Studie kann
bislang keine klinische Überlegenheit der Spiral CT gegenüber der
Lungenszintigraphie belegen. Die szintigraphische Diagnostik ist nach den
bisher vorgelegten Daten jedoch eher geeignet eine prognostische Aussage
zu ermöglichen, d.h. diejenigen Patienten herauszufinden, die einer
Therapie bedürfen. Beide Methoden haben prinzipielle Unterschiede:
Die Spiral CT stellt den Thrombus morphologisch dar und hat ihre Stärken
vor allem bei zentralen Embolien. Periphere Embolien werden jedoch oft übersehen,
mediastinale Raumforderungen können zu falsch positiven Resultaten führen
und die Aussagekraft hängt auch stark von der technischen Qualität der
Untersuchung und der Erfahrung des Befunders ab. Gerade die Embolie auf
subsegmentaler Ebene ist die Stärke der Szintigraphie: Diese stellt ja
nicht den Thrombus direkt dar, sondern den
dadurch hervorgerufenen Perfusionsdefekt, der ja weit größer sein kann.
Die Wahl der Untersuchungsmethode sollte sich nach der lokalen Verfügbarkeit
und Expertise richten. Bei diagnostisch inkonklusiven Fällen ist es in
vielen Fällen sinnvoll, die jeweils andere nicht-invasive Methode vor
einer Pulmonalisangiographie durchzuführen. Eine Analyse der
Zuweisungsgewohnheiten im AKH Wien zeigte seit der Einführung des Spiral
CT keinen signifikanten Rückgang an durchgeführten Lungenszintigraphien.
Es änderten sich jedoch die Zuweisungsmodalitäten: die
Lungenszintigraphie wurde eher zum Ausschluss als zur Bestätigung einer
Pulmonalembolie verwendet.
Tabelle 1
- Klassifikation der V/Q Lungenscans nach den revised PIOPED Kriterien:
Normaler V/Q Scan; Scans mit niedriger Wahrscheinlichkeit für
rezente PE:
Diagnostik kann beendet werden, es ist keine Therapie erforderlich. Die
Prognose des Patienten ist ausgezeichnet.
Scans mit mittlerer Wahrscheinlichkeit für rezente PE: Es
ist eine weiterführende Diagnostik erforderlich.
Scans mit hoher Wahrscheinlichkeit für rezente PE:
Diagnostik kann beendet werden, Patient muss behandelt werden.
Abbildung
1:
Szintigramm eines Patienten mit Pulmonalembolie: Die
Inhalationsszintigraphie (oben) zeigt eine unauffällige
Aerosolverteilung, in der Perfusionsszintigraphie (unten) hingegen finden
sich multiple subsegmentale und segmentale Perfusionsdefekte über beiden
Lungen (Ansicht von dorsal).