HYPERTHYREOSE
Hyperthyreose
ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, dem verschiedenste Erkrankungen
zugrunde liegen können. In der folgenden Übersicht
werden die verschiedenen Ursachen einer Hyperthyreose, die
Auswirkungen einer Schilddrüsenüberfunktion auf den Stoffwechsel und die
unterschiedlichen Therapiestrategien vorgestellt.

Bei einer
Schilddrüsenüberfunktion führen die gesteigerte Produktion und
Sekretion von Schilddrüsenhormonen zu krankhaften Auswirkungen auf den
ganzen Organismus. Bei der manifesten Hyperthyreose ist der Spiegel
an freien Schilddrüsenhormonen (fT3 - freies Trijodthyronin und fT4 -
freies Thyroxin) im Blut erhöht; im Normalfall ist bei diesen Patienten
auch das von der Hypophyse ausgeschüttete TSH (Thyroidea stimulierende
Hormon) supprimiert. Bei der latenten Hyperthyreose sind die freien
Schilddrüsenhormone noch im Normalbereich, durch den mässiggradigen
Anstieg der Schilddrüsenhormone kommt es jedoch bereits zu einer
Suppression des TSH.
Die Schilddrüsenhormone
liegen im Serum zu 99% in proteingebundener Form vor. Da nur die freien
Hormone die Versorgung der Körperperipherie mit Schilddrüsenhormonen
widerspiegeln, sollten vor allem diese freien Schilddrüsenhormone zur
Beurteilung von Schilddrüsenfunktionsstörungen herangezogen werden.
Diese können heutzutage relativ zuverlässig bestimmt werden, und die
heute verwendeten modernen TSH-Assays der „3. Generation“ erlauben
auch eine sichere Abgrenzung zwischen normalen und erniedrigten TSH
Konzentrationen zur Abklärung einer Hyperthyreose.

Funktionelle
Autonomie der Schilddrüse
In einer
gesunden Schilddrüse findet sich nur ein geringer Anteil an Thyreozyten,
die von der übergeordneten TSH-Regulation unabhängig (autonom) sind.
Als Ursache einer Autonomieentwicklung werden Mutationen auf molekularer
Ebene in den Gensequenzen des TSH Rezeptors und der G-Proteine diskutiert.
Das Auftreten dieser somatischen Mutationen wird durch Jodmangel begünstigt.
Eine
Schilddrüsenautonmie kann in einem einzelnen Knoten (unifokale Autonomie,
25% der Fälle), in mehreren Knoten (multifokale Autonomie, 50%)
oder disseminiert im sonographisch weitgehend unauffälligem Schilddrüsengewebe
(disseminierte Autonomie, 25%) auftreten.
Autonomes
Schilddrüsengewebe stellt sich szintigraphisch als „heiss“ dar (in
autonomen Arealen zeigt sich eine gesteigerte Tc99m-Pertechnetat
Aufnahme). Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenautonomie wird auf jeden
Fall eine Szintigraphie durchgeführt und jede Schilddrüsenautonomie
sollte einer der oben angeführten drei Formen zugeordnet werden. Auch
eine Sonographie ist erforderlich, um das Volumen der Schilddrüse und
einzelner Knoten innerhalb des Schilddrüsenparenchyms zu ermitteln und
die eventuellen Herdbefunde dem Sonogramm zuzuordnen (Abb. 1 und 2).
Immunthyreopathie
Morbus Basedow
Bei einem Mb.
Basedow hat die Hyperthyreose eine völlig andere Ursache: Es handelt sich
bei dieser Erkrankung um eine Autoimmunerkrankung mit thyroidalen und
extrathyroidalen Manifestationen. Eine Aktivierung der T-Zellen führt
zur Bildung von Autoantikörpern, die den TSH-Rezeptor stimulieren. Diese
zeigen auch eine Kreuzreaktivität mit anderen Geweben, was zur endokrinen
Orbitopathie, zum prätibialen Myxödem, und zur Akropachie führen kann.
Zusätzlich zu den Symptomen der Hyperthyreose finden sich durch die
Autoimmunerkrankung bedingte Symptome.
Typischerweise
finden sich beim Mb. Basedow erhöhte Titer an Schilddrüsenautoantkörpern
(TPO-Ak, Tg-Ak), insbesondere TSH-Rezeptor-Autoantikörper (TRAK). Die
differentialdiagnostische Abgrenzung zur Autonomie ist jedoch nicht immer
einfach. Liegen Augensymptome im Sinne einer endokrinen Orbitopathie vor,
ist die Diagnose einer immunogenen Hyperthyreose gesichert. Auch das
typische sonographische Bild, das sich bei Autoimmunerkrankungen der
Schilddrüse findet (Abb. 3 und 4) ist differentialdiagnostisch sehr
hilfreich. Die untenstehende Tabelle listet die typischen Befunde bei einer Schilddrüsenautonomie
und bei Mb. Basedow auf.
Unterschiede
zwischen Schilddrüsenautonomie und der Immunthyreopathie Morbus Basedow.
|
|
Autonomie |
Basedow |
|
|
|
|
|
TSH Rezeptor Autoantikörper
(TRAK)
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fehlend |
positiv |
|
extrathyroidale Manifestationen
|
fehlend |
E.
O., prätibiales Myxödem, Akropachie |
|
Sonographie
|
Knoten,
degenerative Veränderungen |
diffus
echoarme Struktur |
|
Szintigraphie
|
bei
fokaler Autonomie Herdbefund |
homogen
gesteigerte Aufnahme |
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Alter
|
Patienten
eher älter |
Patienten
eher jünger |
Seltenere
Ursachen einer Hyperthyreose
Eine
besondere Form der Immunhyperthyreose stellt das Marine Lenhardt
Syndrom dar: Auf eine bereits existierende Struma mit autonomen
Anteilen pfropft sich ein Mb. Basedow auf. Diese Konstellation findet sich
in ungefähr 1%.
Auch andere
Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse können passager mit einer
Hyperthyreose einhergehen. In der hyperthyreoten Phase einer chronischen
Autoimmunthyroiditis Hashimoto, bei der postpartalen Thyroiditis, sowie
bei der silent thyroiditis können sich hyperthyreote Phasen finden.
Eine in der
Schwangerschaft
auftretende Hyperthyreose kann auf zwei Prinzipien beruhen: Einerseits
zeigt das Beta-HCG eine Kreuzreaktion mit dem TSH Rezeptor, andererseits
kann es durch die Schwangerschaft zur Stimulation einer vorbestehenden
Immunhyperthyreose kommen.
Die missbräuchliche
Einnahme von Schilddrüsenhormonen ist häufiger als man glaubt.
Bei der subakuten
Thyroiditis de Quervain, einer schmerzhaften Viruserkrankung, die mit
hochgradigem Krankheitsgefühl einhergeht, findet sich im Anfangsstadium
meist eine passagere Hyperthyreose.
Die
Amiodaron-induzierte
Thyroiditis, bei der zwei Formen unterschieden werden (Typ 1, in einer
knotig umgeformten Schilddrüse; Typ 2, in einer morphologisch unauffälligen
Schilddrüse) hat in den letzten Jahren stark zugenommen.
Ausgesprochen
seltene Ursachen einer Hyperthyreose sind auch
noch die zentrale Hyperthyreose durch einen TSH produzierenden
Hypophysentumor, hormonproduzierende Schilddrüsenkarzinome oder
hormonproduzierende Metastasen, die Schilddrüsenhormonresistenz, eine
Sarkoidose der Schilddrüse, und anderes.

Auswirkungen
einer Hyperthyreose auf den Stoffwechsel
Die
Konsequenzen einer Schilddrüsenüberfunktion sind in im nächsten Absatz detailliert aufgeführt. Besonderes Augenmerk muss - vor allem bei älteren
Patienten mit einer Autonomie - auf die kardiovaskulären Effekte
gerichtet werden. Eine Schilddrüsenüberfunktion ist eine der häufigsten
Ursachen für Vorhofflimmern. Vorhofflimmern tritt in 5-15% der
Patienten mit Hyperthyreose auf und in einer grossen Studie führte eine
Behandlung der Hyperthyreose in 62% der Fälle zu Sinusrhythmus. Lediglich
bei älteren Patienten ist die Konversionsrate niedriger. Auf den ersten
Blick wirkt eine Hyperthyreose ansonsten ja günstig auf das
Herz/Kreislaufsystem; es kommt zu einer Steigerung der Kontraktilität und
des Schlagvolumens. Allerdings steigt auch die Herzfrequenz. Der Cardiac
Output ist daher hoch, und Patienten mit einer Schilddrüsenüberfunktion
können bei Belastungen die Herzfrequenz nicht mehr steigern und den
peripheren Widerstand nicht mehr senken. Es kommt zum sogenannten „Rate
related heart failure“ und zu klinischen Zeichen einer Herzinsuffizienz.
Bei älteren Patienten mit vorbestehender
Herzinsuffizienz führt der gesteigerte Workload durch die Hyperthyreose
zu einer weiteren Verschlechterung der
Herzinsuffizienz, und bei ischämischer bzw. hypertensiver
Kardiomyopathie kann sich das Myokard nicht mehr an den gesteigerten
metabolischen Bedarf anpassen. Die initiale Behandlung einer Hyperthyreose
ist daher eine Frequenznormalisierung mit einem Betablocker.
Kohlenhydratstoffwechsel
o Beschleunigung der intestinalen KH-Resorption
o Steigerung der Glukoneogenese
o Steigerung des KH Abbaus
o Stimulation sowohl von Glykogensynthese als auch
Glykogenolyse
Insulin
o SD-Hormone verstärken die Insulinwirkung
o Gleichzeitg vermehrter Abbau von Insulin
o Der Insulinbedarf insgesamt steigt
Proteinstoffwechsel
o In
physiologischen Dosen: Anabol
o Bei erhöhter Hormonkonzentration: Katabol
Fettstoffwechsel
o Steigerung der Fettmobilisierung
o Abbau von Speicherfett
o Mässig erhöhte Lipidsynthese
o Abfall des Cholesterins
Nervensystem/Muskulatur
o Veränderungen des ZNS
o Neuromuskuläre Übertragung (Sehnenreflexe)
o Muskulatur
Herzkreislaufsystem
o Steigerung der Kontraktilität des Myokards
o Steigerung des Schlagvolumens
o Steigerung der Herzfrequenz
o Steigerung der Blutdruckamplitude
Therapiemöglichkeiten
Bis
auf wenige Ausnahmen wird jeder Patient mit einer manifesten
Hyperthyreose thyreostatisch anbehandelt, in den meisten Fällen
ist auch eine symptomatische Therapie mit Betablockern erforderlich.
Anschliessend muss
je nach zugrundeliegender Krankheit eine
Therapiestrategie
zurechtgelegt werden: Definitive Therapie
(Operation, Radiojodtherapie), oder medikamentöse Therapie mit
Thyreostatika. Bei einer Autonomie ist nach überbrückender
Thyreostatikagabe stets eine definitive Therapie erforderlich, beim Mb.
Basedow ist eine thyreostatische Therapie über ca. 12-18 Monate die erste
Wahl.
Operation
Eine
Operation ist bei grossen Knotenstrumen, zumeist mit multifokaler
Autonomie und/oder bei gleichzeitigem Vorliegen von kalten Knoten
indiziert. Auch bei lokalen Beschwerden, Malignomverdacht, sowie
Kontraindikationen zur Radiojodtherapie sollte eine chirurgische Sanierung
erfolgen. Nebenwirkungen einer Operation können die Verletzung des
Stimmbandnerven und die Beschädigung und/oder Entfernung einer oder
mehrerer Nebenschilddrüsen sein. Das Rezidivrisiko liegt bei 2-10%.
Radiojodtherapie
Bei
einer Radiojodtherapie wird der Betastrahler Jod-131 meist oral
verabreicht. Dieser hat eine Reichweite von 0.5 - 2 mm, reichert sich im
hyperfunktionellen Schilddrüsengewebe an und bestrahlt dieses von innen.
Jod-131 hat eine physikalische Halbwertszeit von 8 Tagen, zusätzlich wird
es über Harn, Stuhl, Schweiss, Speichel und andere Körpersäfte
ausgeschieden. Nach Gabe von Jod-131 strahlt der Patient radioaktiv; die
Therapie erfolgt daher stationär auf eigenen Bettenstationen. Erst wenn
eine gewisse gesetzlich vorgegebene Dosisleistung unterschritten ist, kann
der Patient nach Hause entlassen werden. In der Regel ist ein stationärer
Aufenthalt von ca. einer Woche erforderlich. In Einzelfällen wird Jod-131
auch fraktioniert auf mehrere Einzelaktivitäten verteilt verabreicht; auf
diese Weise ist eine ambulante Radiojodtherapie möglich.
Es
gilt heute als gesichert, dass das Risiko einer Radiojodtherapie unabhängig
vom Alter deutlich unter dem Risiko einer Operation liegt. Es gibt keine
Bedenken für eine Schwangerschaft nach erfolgter Radiojodtherapie,
lediglich in den ersten 6 Monaten nach Radiojodtherapie sollte eine
Konzeption vermieden werden. Bei Radiojodtherapien zur
Hyperthyreosebehandlung gibt es auch keine gesicherten Hinweise auf eine
malignominduzierende Wirkung.
Kontraindikationen
für eine Radiojodtherapie sind Gravidität und Laktation, Kinderwunsch
innerhalb der nächsten 6 Monate, schwere Hyperthyreosen ohne
thyreostatische Vorbehandlungen, sowie das Vorliegen eines konkreten
Malignomverdachtes.
Thyreostatische
Therapie
Eine
thyreostatische Therapie wird heutzutage ausschliesslich mit Medikamenten
vom Thionamid-Typ (Thiamizol, Carbimazol), sowie Propylthiouracil durchgeführt.
Nur in sehr speziellen Situationen werden Perchloreat oder eventuell
Lithium eingesetzt.
Die
Thionamide bzw. Propylthiouracil hemmen dosisabhängig die durch die TPO
katalysierte Jodination des Thyroxins. Es kommt zu einer Kompetition mit
dem intrathyroidalen Jod um die Schilddrüsenperoxidase, dadurch
verlangsamt sich der Jodeinbau ins Thyroxin und die Schilddrüsenhormonsynthese.
Die thyreostatische Wirkung ist daher bei Jodmangel ausgeprägter als bei
normaler Jodversorgung oder Jodkontamination. Propylthiouracil führt zusätzlich
zu einer Hemmung der Konversion von T4 zu T3.
Bei den Thionamiden ist 10 mg
Thiamazol äquivalent zu 16 mg Carbimazol. Da die pharmakologische Wirkung
ungefähr 24 Stunden beträgt, ist eine tägliche Einmalgabe möglich. Bei
Propylthiouracil beträgt die HWZ nur 12-24 Stunden, die Dosierung muss
daher auf mehrere Einzelgaben verteilt werden. Die Dosierung muss bei
Propylthiouracil 15 mal höher als bei Thiamizol erfolgen.
Nebenwirkungen
der Thyreostatika sind dosisabhängig und in den ersten Behandlungswochen
am häufigsten. Meist handelt es
sich dabei um leichte Nebenwirkungen wie allergische Hautreaktionen oder
gastrointestinale Beschwerden. Schwere Nebenwirkungen wie Leberschädigung
oder Blutbildveränderungen bis hin zur Agranulozytose sind selten, es
sollte aber stets daran gedacht werden.
Bei einer thyreostatischen Therapie
sind anfangs engmaschige Kontrollen in zwei-bis dreiwöchigen Abständen
erforderlich, später in sechs-bis zwölfwöchigen Abständen. Überprüft
werden die peripheren Hormonwerte sowie das basale TSH. Bei einem Anstieg
des basalen TSH auf hochnormale Konzentrationen muss die Dosis reduziert
werden. Bei jeder Kontrolluntersuchung müssen auch die Leberenzyme und
das Blutbild überprüft werden.
Beim Mb. Basedow wird die
thyreostatische Therapie in der Regel nach knapp einem Jahr langsam
ausgeschlichen. Im Falle einer Persistenz oder eines Rezidivs sollte eine
definitive Therapie erfolgen. Bei der Autonomie kommt es - im Gegensatz
zum Mb. Basedow - zu keiner Remission oder Selbstheilung, es muss bei
eindeutiger Diagnose daher stets eine definitive Therapie durchgeführt
werden. Lediglich in besonderen Situationen, wie schweren
Allgemeinerkrankungen mit ungünstiger Prognose, sehr hohem Lebensalter
mit ausgesprochener Multimorbidität, fehlender Kooperationsfähigkeit des
Patienten für eine Radiojodtherapie oder Operation kann an eine längerfristige
thyreostatische Therapie gedacht werden.
Schilddrüsenblockade vor
Jodgabe
Die Gabe von Jod in höherer
Dosierung kann bei Patienten mit Schilddrüsenautonomie eine Hyperthyreose
auslösen. Daher sollte bei diesen Patienten vor Jodexposition (Röntgenkontrastmittel)
eine Schilddrüsenblockade durchgeführt werden. Perchlorat hemmt
kompetitiv die Jodaufnahme in die Schilddrüse. Das folgende Schema kann
hier hilfreich sein:
Perchlorat:
500
mg 2-4 h vor und nochmals 2-4 Stunden nach Jodgabe
Anschliessend
3 x 300 mg über 7 - 10 Tage
Thiamizol
Zusätzlich
nur bei hohem Risiko (20 - 40 mg über 10 - 14 Tage)
Kontrolle
der Schilddrüsenfunktion nach 3 und 6 Wochen
Zu
den Abbildungen
Abb. 1:
Schilddrüsensonographie,
linker Lappen, Längsschnitt. Grösstenteils solider Knoten mit kleinen
zystischen Anteilen.
Abb 2:
Szintigraphisch
stellt sich der Knoten als unifokale Autonomie dar, das restliche Schilddrüsengewebe
ist fast vollständig supprimiert.
Abb 3:
Typisches
Bild einer hochfloriden Immunthyreopathie Morbus Basedow: Die Schilddrüse
ist vergrössert, fast kugelig, und zeigt ein diffus echoarmes Muster.
Abb 4:
Szintigraphie
beim selben Patienten: Homogene Traceraufnahme in einer vergrösserten
Schilddrüse.